Hallo Lutz,

du hast ja schnell reagiert und mein unschönes Erlebnis vom Fast-Jagdunfall bereits eingearbeitet – find ich gut!

Nun ließ ich mich durch Deinen letzten Nachsatz doch noch verleiten, Dir eine kleine Geschichte, welche durchaus für manch anderen lehrreich sein könnte, zukommen zu lassen:

Es war Ende Januar 2009 an einem Freitagabend, die Felder waren seit Wochen mit Schnee bedeckt, die Temperatur etwas unter Null und das Licht der ~ 30 km entfernten Bobbahn in Altenberg reichte durch Reflexionen dicke zu, um auch mit schwacher Optik sicher auf Wild abkommen zu können.
Ich hatte in jüngster Vergangenheit zunehmend den Eindruck gewonnen, daß die Hasen in meinem Revier mächtig abgenommen hatten und dachte in diesem Zusammenhang an meine schwache Fuchsstrecke in diesem Jagdjahr – dem wollte ich nun entgegenwirken.

Leider ist meine Kombinierte außer Betrieb gewesen und so mußte ich das MJG gegen 3,5-mm- Bleischrot austauschen. Mein Mitpächter, bei dem ich das Weidwerk erlernt habe, hat mir zuvor seine aus Suhl stammende BDF Kal. 12 übereicht. Die Waffe war sehr schön an Basküle und Schaft mit Fischhaut versehen und besaß ein abgegriffenes Zielvier, welches mit solider Suhler EHM befestigt war und durch das etwas ausgefranste Absehen nicht gerade bestach. Eine Gummiblende am Okular wäre schön gewesen, hat er aber nicht gefunden. Ich hatte danach die Waffe mit den neusten Brenneke auf 50 m angeschossen und war mir nun sicher, mit ihr umgehen zu können.

An und für sich war es ein Schönr Abend und ich setzte mich auf eine Höhe selbststehende Leiter, welche in der Vergangenheit schon zweimal vom Wind umgeschmissen wurde und durch die vielen Reparaturen etwas vernagelt war. Letztlich stand sie nun bombenfest, durch Eisen im Boden verankert und trägt zu Recht den Namen „Stabil69“. Ganz in der Nähe der Leiter, etwa 70 m entfernt, ist ein großer Holzhechselhaufen, auf dem schon alles Mögliche von der Agrargenossenschaft abgekippt wurde, was biologisch abbaubar war. Anzugspunkt Nr. 1 für Füchse – leicht zu graben (Mäuse etc.), übersichtlich und hat sicherlich zur Ranz immer für überaschungen durch bereits anwesende Artgenossen gesorgt.

Schließlich saß ich eine kleine Ewigkeit und war völlig durchfroren. Und so entschloss ich mich, wieder langsam den Heimweg anzutreten, um später am Windrad, wo mein Auto abgestellt war, noch etwas zu verweilen. Unten auf der Erde angelangt, machte ich meine obligatorische Runde mit dem 8x56. Was war das, habe ich da nicht einen hoppelnden Rücken am Horizont gesehen? Beim näheren Hinschauen kam ein Füchslein schräg von rechts fast auf mich zu. Ich machte mich fertig und entsicherte mit einem mir viel zu lauten Klick die BDF. Plötzlich verhoffte er, doch der Wind war günstig und so wartete ich noch ein wenig. Dann wechselte er die Richtung und ich blickte kurz entschlossen durch das Zielvier - es krachte ungewohnt laut und ich fühlte eine unangenehme Spannung in meiner Nase, aber Meister Reinecke ist schlagartig im ewigen Fuchshimmel aufgenommen worden. Ich fing an, mir Gedanken über diesen hässlichen Rückschlag zu machen, den ich von meiner BBF95 im Kaliber 6,5x65R mit MJG nicht kannte. Und noch ehe ich fertig dachte, hörte ich plötzlich ~ 100 m hinter mir rechts einen Rüden bellen, welcher sich auf der heißen Spur der Kleinen von eben gerade befand und ebenfalls über einen großen Bogen in meine Richtung wechselte. Doch er kam und kam nicht näher und so entschloss ich mich, die erst beste Gelegenheit zu nutzen, um dem Kavalier den Anblick seiner toten Angebeteten zu ersparen - bekannterweise reagieren Füchse nicht sonderlich erhaben und das könnte eine Flucht auslösen, der ich mit diesem sch... Glas nicht begegnen könnte. So, jetzt sind es bestimmt zehn Meter, die er näher auf mich zugekommen ist. Wieder knallte es ungewohnt laut, als ich den zweiten Schrotlauf abgefeuert hatte. Und wieder schmerzte meine Nase – ein Gefühl, was ich nicht deuten konnte. Der Fuchs trollte sich gegen den Horizont davon. Nun wollte ich doch noch mal genauer nachforschen, und so kletterte ich ein paar Sprossen wieder den Sitz hinauf und äugte abermals durch das Glas. Hmm, nix. Aber was ist das merkwürdige längliche Gebilde ~ 30 m vom Anschuss entfernt? Ah, du bist es, aber tot bist du nicht, bewegst Deine Rute und willst nicht aufstehen. Tja, anpirschen bei diesem verharschten Schnee - unmöglich; da riskiere ich Deinen Abgang, ohne dich in Schussentfernung zu haben. Misst, jetzt müsste Kupfer her, Ziel aufsitzend könnte ich dich erlösen. Also, was tun?

Ich hole das Auto; da vergehen mal locker 30 min - das sollte Dir reichen, um in Ruhe Deinem Erdenleben entfliehen zu können.

Am Auto angekommen, verstaute ich alles und sah eher zufällig in den Innenspiegel. Was ist das? Mein Gesicht war von der Nase abwärts durch die schummrige Innenbeleuchtung dunkel gefärbt. Das letzte Mal als ich so aussah, war ich Kind und lag im Krankenhaus, von oben bis unten mit Teersalbe eingeschmiert; doch Teersalbe war das nicht! Beim näheren Hinsehen war mir klar, ich hatte mir durch das blöde, scharfkantige Zielfernrohr derart die Nase aufgeschlagen, daß ich im Nachhinein froh darüber war, sie nicht gebrochen bekommen zu haben. Man mag gar nicht denken, wie viel Blut an dieser Stelle laufen kann.

Nun ja, wissend von meiner Verletzung, schmerzte es nun erst recht, dennoch also hin zum Sitz und mit der Taschenlampe nachschauen. Nichts, nichts und noch mal nix. Du hast Glück gehabt, mein Freund.

Am Tag darauf habe ich großflächig alles abgesucht, und machte mir Gedanken, ob er mich wohl ausgelacht hat. Im Nachhinein betrachtet, glaube ich fast, daß er nicht mal ein Schrotkörnchen abbekommen hat, sondern vom Liebestaumel erfüllt, sich einfach längs ausruhte, so wie es auch manche Hunde ab und zu tun, wenn sie auf der Seite liegen und ab und zu die Rute nach obenpeitschen.

Mit dem Wissen, daß die Neuzeit (Nachwendezeit) keine Sonderschrote hervorgebracht hat und ich mir derartig weite Schüsse mit Schrot auf 40-50 m in Zukunft verkneifen muß, ging ein Schönr und überaschender Jagdabend zu Ende.

Zu Hause angekommen, säuberte ich mein Gesicht und zog die Stanzfurchen, welche ~ 0,5 cm voneinander entfernt waren, jeweils mit Pflaster zusammen. Heute sieht man, entgegen meinen Befürchtungen von damals, fast nichts mehr.

Abschließend möchte ich schreiben, das Schießen auf Wild muß im Gedanken eine 100%ige Sache sein, keine Experimente, kein wildes Erhaschen von Lebewesen, fernab von Vernunft und Besonnenheit! Das ist keine neue Erkenntnis für mich, jedoch muß man sich diese Sache trotz jahrelanger Erfahrung immer mal wieder bewusst ins Gedächtnis rufen. Zu meiner Jägerschande muß ich gestehen, daß ich die Drückjagd von heute verabscheue und einfach nur verbieten würde. Da wird mit Automaten solange geknallt, bis Wild Zeichnet oder das Magazin leer ist; je mehr ich darüber nachdenke, um so wütender und aufgewühlter bin ich; traumatische Bilder werden sichtbar, wo z. B. ich auf dem Weg zur Arbeit an einer Baustellenampel halten mußte und ein Schwein mit weggeknalltem, nur noch an letzten Gewebefetzen hängendem Unterkiefer orientierungslos und abgemagert die Straße hin und her wechselte. Das ist absoluter Frevel und aus meiner Sicht lecker Futter für alle Jagdgegner, um letzten Endes begründete Zweifel an der „weidgerechten“ Jagd in Deutschland aufkommen zu lassen.

Lieber Lutz,

es sei mir verziehen, daß ich mich bei meinen letzten Zeilen so gehen ließ, aber gerade Jäger sollten einen natürlichen Bezug zur Natur haben, und dazu gehört der letzte Absatz nicht.

Wnn schon notwendiges töten mit der Kugel, dann bitte durch modernste Geschosse – und das ist z. Z. nun mal Dein Geschoß mit all seinen Vorteilen, die durch dich sehr sachlich und ausführlich beschrieben werden.

Weidmannsheil, Andreas

Kleiner ist feiner, klüger sowieso!